Das Zwiefaltener Passionale

Herrad Spilling, Mechthild Pörnbacher, Das Zwiefaltener Passionale. Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek, Cod. bibl. 2

49,00 €
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Schilderungen von Leben und Leiden der Heiligen waren und sind fester Bestandteil der Liturgie, aber auch des täglichen geistlichen Lebens durch Lektüre und Betrachtung. Die Viten der Tagesheiligen wurden im nächtlichen Stundengebet kommemoriert und in den Klöstern als Tischlesung vorgetragen. Die Zuhörer fanden in diesen Texten Vorbilder für ihre eigene Lebensführung, erfuhren aber auch viele Einzelheiten über fremde Länder, Völker und Sitten und über das Leben der frühen Christen und die Anfänge der Kirche. Mögen sich manche dieser Berichte märchenhaft ausnehmen, so steckt in den meisten doch ein historischer Kern, und über viele Heilige wissen wir noch aus anderen Quellen Bescheid, so dass sie uns als Zeitzeugen vor Augen stehen. Manche Viten stammen aus der Feder gebildeter Autoren und verdienen auch unter literarischen Aspekten Beachtung.

Im Benediktinerkloster Zwiefalten, einer Tochtergründung Hirsaus von 1089, wurde im zweiten Viertel des 12. Jahrhunderts durch mehrere Schreiber eine Sammlung von Heiligenleben angelegt, die drei Folianten füllt. Sie war das erste derart umfangreiche Legendar im deutschen Sprachraum. Seinen besonderen Reiz verdankt dieses Passionale den Illustrationen am Anfang jedes neuen Textes. Waren zunächst lediglich große rote, mit Ranken und Fabelwesen verzierte Initialen geplant, so änderte sich im Laufe der Arbeit das Konzept. Vielen Viten wurden nun Szenen aus dem Text vorangestellt, ausgeführt als rot-schwarze, farbig gefüllte Federzeichnungen. Da für eine erstaunlich hohe Anzahl dieser Kompositionen bisher keine Vorlagen gefunden werden konnte, gelten sie in der Kunstgeschichte als ikonographische Schöpfungen des Zwiefaltener Skriptoriums.

Die meisten der für die anzukündigende Mappe ausgewählten Heiligen wurden in Zwiefalten selbst besonders verehrt, weil durch Reliquien eine konkrete Beziehung zu ihnen bestand. Eine Hand des hl. Stephanus, Erde vom Grab der Märtyrer Marcellinus und Petrus, aber auch der Gürtel Leos IX. befinden sich unter den Heiltümern der Abtei. Zwei ganzseitige Miniaturen, zwei ganze, jeweils mit Bildern versehene Textseiten sowie sechzehn historisierte Initialen bzw. szenische Darstellungen werden in Originalformat und Faksimile-Qualität wiedergegeben und vermitteln einen repräsentativen Querschnitt durch den Bildschmuck des Passionale. Die Begleithefte geben Einblick in die Entstehung der Handschrift und erklären die Texte und ihre Illustrationen in diesem Denkmal schwäbischer Buchmalerei der Romanik.

Die Autorinnen der Begleithefte
Prof. Dr. Herrad Spilling (Fach: Lateinische Philologie des Mittelalters, Handschriftenkunde und lateinische Paläographie) lehrt am Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften der Eberhard Karls Universität Tübingen, arbeitet in der Württembergischen Landesbibliothek, Stuttgart als stellvertretende Leiterin der Handschriftenabteilung.

Dr. Mechthild Pörnbacher hat über die Vita des hl. Fridolin von Säckingen promoviert und arbeitet bei der Kommission für die Herausgabe eines mittellateinischen Wörterbuches (Bayerische Akademie der Wissenschaften, München).

Pressestimme

"Eines Tages im Winter hatte Ulrich die Wertach zu überqueren", die so viel Wasser führte, dass die Furt unpassierbar schien. Aber der Heilige ritt, dem Vorbild Jesu folgend, einfach über den angeschwollenen Wassern, während sein - weniger gläubige - Kaplan bis zum Gürtel in die eiskalten Fluten eintauchen musste.

Eine reizvolle Federzeichnung im "Zwiefaltener Passionale", einer Sammlung von Heiligenlegenden aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts (vor 1139), stellt die beschriebene Szene lebendig dar. Das Bild und eine ganze Reihe weiterer Illustrationen aus dieser bedeutenden Sammlung hat der Kunstverlag Josef Fink nun im Faksimile vorgelegt, wobei die Neuausgabe nicht zuletzt die intensiven Augsburger Bezüge der Sammlung herausarbeitet. Außer dem heiligen Ulrich spielen die heilige Afra und weitere Augsburger Heilige eine wichtige Rolle unter den in dieser Handschrift gesammelten über 300 Heiligenleben.

Mechthild Pörnbacher hat für die Auswahl der 20 Bildtafeln einen "Kommentar zu den Legenden" verfasst, der vor allem deren schwäbische Zusammenhänge herausarbeitet. So wurde die Geschichte des heiligen Alexius, der "aus dem Osten in die westliche Welt kam", nicht nur in einem Lied des Augsburger Meistersingers Jörg Preining, sondern auch in zahlreichen "Barockpredigten, Jesuitendramen, Jesuitendramen, Mirakel- und Volksschauspielen" dargestellt. Und das Bild zur Zwiefaltener Legende der heiligen Afra (2004 in Augsburg ausgestellt) zeigt einen Dämon und einen Drachen. Dessen Seele bot der Augsburger Bischof Narcissus dem Teufelsdämon anstelle der Seele der heiligen Afra an, die sich, obwohl "öffentliche Dirne", in Augsburg, "in der Provinz Rätien", bekehrt hatte und der Legende nach den Märtyrertod starb.

Herrad Spilling ordnet in der Neuausgabe die Miniaturen kunst- und klostergeschichtlich ein. Spannend sind hier vor allem die Unterschiede zwischen den Anweisungen des Schreibers für die Bilder und den ausgeführten Zeichnungen, bei denen für den vielverehrten heiligen Martin gleich drei Bilder vorgesehen waren, darunter die berühmte Geschichte vom Teilen des Mantels mit einem Bettler ("Vom geteilten Mantel").

Insgesamt eine wertvolle Neuausgabe mit hervorragend reproduzierten Miniaturen in einer großformatigen Mappe, deren Begleittexte auf interessante Weise Einblick in eine bedeutende klösterlich-schwäbische Schreibwerkstatt des Mittelalters gewähren.
Ulrich Scheinhammer-Schmid, "Augsburger Allgemeine", 16.11.2005

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