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Das Projekt Gesellschaft Oberschwaben

Elmar L. Kuhn, Brigitta Ritter, Dieter R. Bauer, Das große weite Tal der Möglichkeiten. Geist, Politik, Kultur 1945-1949. Das Projekt Gesellschaft Oberschwaben, 400 Seiten, zahlr. Abb., Format 24 x 15

9,90 €
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Als Deutschland 1945 "am geschichtlichen Tiefpunkt" angelangt war, entschloss sich Josef Rieck, der Perspektivlosigkeit mit einem zukunftweisenden Impuls zu begegnen. Der Aulendorfer Buchhändler, der sich im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime engagiert hatte, initiierte gemeinsam mit dem Frankfurter Laientheologen Ernst Michel in Aulendorf einen "Sammelplatz der produktiven Kräfte des heutigen Denkens" - die "Gesellschaft Oberschwaben". Diese Vereinigung veranstaltete von 1945 bis 1949 im Aulendorfer Schloss eine Vielzahl von Tagungen zu unterschiedlichsten Themen. Das Spektrum reichte dabei von Verfassungsfragen bis zur Kommunalpolitik, von der Bodenreform bis zur Bildungspolitik, von der Theologie bis zur Kirchenmusik, von der Geschichte bis zur Literatur. So etablierte die "Gesellschaft Oberschwaben" in der Kleinstadt eine bemerkenswerte Plattform, einen "geistigen Tauschplatz", wo herausragende Vertreter des öffentlichen Lebens - Architekten, Geistliche, Historiker, Künstler, Musiker, Politiker - über zentrale Fragen des geistigen und materiellen Wiederaufbaus diskutierten. Hier formulierten die Architekten die Grundsätze des "Neuen Bauens", hier begann die Reihe der bis heute jährlich veranstalteten "Südwestdeutschen Archivtage".

Mit Währungsreform und parteipolitischer Polarisierung verweigerte sich die Region der weiteren Selbstreflexion. Das "große weite Tal der Möglichkeiten", von dem Walter Münch, der spätere Landrat von Wangen, hinsichtlich des Potenzials Oberschwabens sprach, lag verwaist dar. So konnte die Organisation keinen nachweisbaren Einfluss auf die Entwicklung im deutschen Südwesten gewinnen. Gleichwohl haben viele der Menschen, die sich in Aulendorf trafen, ihre Arbeitsfelder später maßgeblich geprägt: zum Beispiel Carlo Schmid, Bernhard Hanssler, Gerhard Storz, Karl Anton Maier, Walter Münch, Inge Aicher-Scholl, Wilhelm Geyer, Erich Endrich, Karl-Siegfried Bader und Otto Feger.

1996 entstand wieder eine "Gesellschaft Oberschwaben", nun mit dem einschränkenden Zusatz "für Geschichte und Kultur". Diese neue Gesellschaft hat sich 1998 bei einer Tagung auf Schloss Aulendorf mit Theorie und Praxis ihrer Vorgängergesellschaft befasst. Sie gibt nun einen Band über ihre Vorgängerin heraus. Die Neuerscheinung vermittelt einen umfassenden Überblick über die Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit, über die Tätigkeit der damaligen Gesellschaft, ihre leitenden Ideen, ihre Nachwirkungen, das politische und geistige Umfeld der Zeit sowie, am Aulendorfer Beispiel, über die realen Lebensbedingungen jener Jahre.

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